Roland Fischer ist ein international bekannter Münchener Künstler. Seine Bilder thematisieren nicht nur die im Portrait dargestellte Identität, sondern auch das Verhältnis des Einzelnen zur sozialen Gruppe, der er angehört.
Fotos: Zoltán Kerekes
In unserer Kultur ist das Portrait die älteste Form, die Identität eines Menschen darzustellen. Mittlerweile ist es auch die am weitesten verbreitete. Es gibt kaum noch einen Ort in unserer Welt, an dem uns kein Gesicht – etwa von einem Plakat oder aus einem Bildschirm – entgegenblickt. Dabei geht von diesen Bildern eine besondere Macht aus, die uns auffordert, sie anzuschauen. So entsteht ein Dialog zwischen dem Gesicht und uns, bei dem wir uns fragen, wer es ist – und wer wir sind.
Dabei gehört es gewöhnlich zum Ehrgeiz der Portraitkunst, das charakteristisch Individuelle herauszuarbeiten. Die Arbeiten von Roland Fischer nehmen auch andere Aspekte des Portraits auf. Seine bekannten Kollektivportraits zeigen nicht nur das Portraitartige des Einzelnen, sondern setzen ihn auch in den Kontext der sozialen Gruppe, der er angehört. Dabei stellt die Gegenüberstellung von Einzel- und Gruppenportrait dieses Verhältnis besonders aus.
Der Schafhof zeigt einen Querschnitt durch Fischers Portraitfotografie und wichtige Stationen ihrer künstlerischen Entwicklung: die Los Angeles Portraits der frühen 1990er Jahre, die Chinesischen Kollektivportraits sowie Fischers neueste Arbeit, das Israelische Kollektivportrait, zu dem auch ein Film gehört, den Fischer letztes Jahr in Tel Aviv gedreht hat – A Normal Day on Rothschild Boulevard.
Ausführlicher Text zur Ausstellung:
In unserer Kultur ist das Portrait die älteste Form, die Identität eines Menschen darzustellen. Mittlerweile ist es auch die am weitesten verbreitete. Es gibt kaum noch einen Ort in unserer Welt, an dem uns kein Gesicht – etwa von einem Plakat oder aus einem Bildschirm – entgegenblickt.
Dabei geht von diesen Bildern eine besondere Macht aus, die uns auffordert, sie anzuschauen. Wir können an Gesichtern kaum vorbeischauen und wenn wir eines anblicken, haben wir das Gefühl, einen anderen Menschen anzuschauen und von ihm angeschaut zu werden. So entsteht ein Dialog zwischen dem Portrait und uns, bei dem wir uns fragen, wen es darstellt – und wer wir sind. (1)
Indem wir nach der Persönlichkeit in der Erscheinung fragen, bemerken wird eine Spannung zwischen Äußerlichkeit und Innerlichkeit der dargestellten Person. Gewöhnlich gehört es zum Ehrgeiz der Portraitkunst, aus dieser Spannung das charakteristisch Individuelle, das Portraitartige, herauszuarbeiten. (2)
Damit lässt sie jedoch (meist) zwei andere, nämlich allgemeinere Aspekte von Identität unberücksichtigt: den Zusammenhang des Einzelnen mit dem sozialen Verbund, der Gemeinschaft, der er angehört und seine Eigenschaft, ein Mensch zu sein. Gerade letztere ist jedoch dafür verantwortlich, dass wir an Bildern von Gesichtern so schwer vorbeisehen können. Denn sie versprechen uns in ihnen einen Menschen zu sehen, wie wir auch selbst einer sind.
Die Arbeiten von Roland Fischer nehmen auch diese Aspekte des Portraits auf. Seine bekannten Kollektivportraits, etwa die chinesischer Arbeiter, Bauern, Studenten und Soldaten als Symbole der kommunistischen Gesellschaft oder das kürzlich entstandene der israelischen Studenten, zeigen nicht nur das Portraitartige des Einzelnen, sondern setzen ihn auch in den Kontext der sozialen Gruppe, der er angehört. Dabei stellt die Gegenüberstellung von Einzel- und Gruppenportrait dieses Verhältnis besonders aus.
Fischers Pool Portraits rücken hingegen das allgemein Menschliche in den Blick, indem sie das charakteristisch Individuelle stark reduzieren. Die Spannung zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit rückt so weniger das Verhältnis von Persönlichkeit und Gesicht als z. B. das von Geist und Körper in den Blick, zwei der Pole, zwischen denen der Mensch, wie Fischer sagt, aufgespannt ist.
Dr. Björn Vedder, Kurator der Ausstellung
1) Vgl. Hegels Bemerkungen zum Portrait in seinen Vorlesungen über Ästhetik: „Mit dieser Gleichgültigkeit gegen die idealisierende Einigung von Seele und Leib tritt für die speziellere Individualität der Außenseite wesentlich das Porträtartige auf, das die partikulären Züge und Formen, wie sie gehen und stehen, die Bedürftigkeit des Natürlichen, die Mängel der Zeitlichkeit nicht, um Gemäßeres an die Stelle zu setzen, verwischt“. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Sämtliche Werke, Bd. 13, Vorlesungen über Ästhetik II, hg. Eva Moldenhauer und Karl-Markus Michel, Frankfurt/Main 1986, S. 144f.
2) Vgl. Hans Belting, Faces. Eine Geschichte des Gesichts, München 2013.